Die KI-Welt steht mal wieder Kopf: Anthropic hat kürzlich massive Updates für Claude ausgeliefert – darunter „Claude Co-work“ und „Dispatch“, die es dem Modell ermöglichen, den Computer wie ein Mensch zu steuern, Programme zu öffnen und Tasks zu erledigen.
Bisher war das die absolute Paradedisziplin des Open-Source-Agenten OpenClaw, der die Tech-Community im Sturm eroberte und als das Tool für echte Automatisierung galt. Kein Wunder also, dass die erste Reaktion auf X (ehemals Twitter) und Reddit lautete: „Anthropic hat OpenClaw gerade getötet.“
Doch stimmt das wirklich? Ich habe mir das Video-Essay von Wes Roth und die Diskussionen rund um das Thema angesehen. Die Antwort ist ein klares Nein, aber Anthropic hat die Regeln des Spiels drastisch verändert.
Was genau ist passiert?
Anthropic hat in rasantem Tempo neue Funktionen veröffentlicht:
- Claude Co-work: Ein persistenter Desktop-Agent (aktuell exklusiv für macOS).
- Dispatch: Eine Möglichkeit, über das Smartphone (oder andere Apps) Aufgaben an Claude zu delegieren, die dieser dann auf dem Rechner ausführt – etwa jeden Morgen Mails checken oder einen Report zusammenstellen.
- Computer Use: Claude kann den Browser bedienen, in Tabellenkalkulationen arbeiten, Apps steuern.
Im Grunde hat Anthropic eine zugängliche, gehostete und einsteigerfreundliche Version der Kernfunktionen von OpenClaw auf den Markt gebracht. Ohne Terminal-Befehle, ohne komplizierte Installation und ohne Konfigurationsdateien. Für geschätzt 90 % der regulären Nutzer ist dieses Paket genau das, was sie von einem KI-Assistenten erwarten.
Wie ich schon bei Claude 3.5 Sonnet anmerkte, beginnt hier eine neue Ära der Automatisierung.
Wo Claude punktet: Sicherheit und Komfort
Der größte Vorteil der Anthropic-Lösung ist die Sandbox. Claude agiert in einer abgetrennten Umgebung. Wenn man einem KI-Modell Zugriff auf den eigenen Desktop gibt, öffnet man theoretisch alle Türen – für Prompt Injections, unbeabsichtigte Löschungen ganzer Code-Bases oder andere Missgeschicke.
Bei OpenClaw, das vollen Systemzugriff hat, können Fehler schnell fatal werden, wenn man nicht weiß, was man tut. Claude Co-work ist weitaus fehlertoleranter und anfängerfreundlicher. Man benötigt weder tiefes technisches Wissen noch muss man sich mit API-Keys herumschlagen.
Warum OpenClaw trotzdem nicht am Ende ist
Trotz des Komforts von Claude bleibt OpenClaw das Werkzeug der Wahl für Power-User und Entwickler. Hier sind die drei entscheidenden Gründe, warum OpenClaw nicht „gekillt“ wurde:
1. Radikaler Datenschutz und lokaler Speicher
OpenClaw läuft lokal, 24/7. Er sammelt kontinuierlich Kontext über das eigene Leben, die Arbeit, Gesundheitsdaten oder Finanzen. Ein Nutzer im Video beschreibt, wie er seine medizinischen Blutbilder der KI zur Analyse gibt. Das funktioniert, weil die Daten lokal auf der eigenen Festplatte liegen.
Für ein großes Unternehmen wie Anthropic ist es ein gigantisches Compliance- und Haftungsrisiko, solche hochsensiblen Daten dauerhaft in der Cloud zu speichern und darauf zu trainieren (Stichwort: HIPAA in den USA, DSGVO in Europa). Wer echten Datenschutz will, kommt an einer lokalen Lösung wie OpenClaw nicht vorbei.
2. Modell-Unabhängigkeit
Bei Claude ist man an – Überraschung – Claude gebunden. OpenClaw hingegen ist modellagnostisch. Braucht man Echtzeit-Recherchen, klemmt man Grok an. Geht es um Code, nutzt man Claude 3.7 Sonnet. Will man maximale Privatsphäre, rechnet ein lokales Llama-Modell. Diese Flexibilität ist für Entwickler Gold wert.
3. Hardware-Freiheit
Während Claude Co-work momentan macOS-exklusiv ist, läuft OpenClaw auf Linux, Windows, Mac und sogar auf einem kleinen, stromsparenden Raspberry Pi. Hinzu kommt ein gigantisches Open-Source-Ökosystem voller Plugins und Community-Erweiterungen.
Es gibt auch Enterprise-Ansätze wie NVIDIA NemoClaw, die zeigen, dass das OpenClaw-Ökosystem gerade erst an Fahrt aufnimmt.
Fazit: Die Decke für OpenClaw
Hat Claude OpenClaw gekillt? Nein. Aber Anthropic hat eine sehr hohe „Decke“ für das OpenClaw-Projekt eingezogen. Wer einfach nur ab und zu einen KI-Assistenten braucht, der Exceltabellen sortiert oder Mails beantwortet, wird künftig nicht mehr den steinigen Weg der OpenClaw-Installation gehen, sondern das bequeme Claude-Abo nutzen.
OpenClaw bleibt das Powerhouse für die Bastler, die Datenschützer und jene, die volle Kontrolle über ihre Automatisierungen und ihre lokal gespeicherten Erinnerungen haben wollen.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Claude Co-work und OpenClaw?
Claude Co-work ist eine von Anthropic gehostete, einsteigerfreundliche Software (aktuell macOS), die den Computer steuert. OpenClaw ist ein Open-Source-Agent, der lokal installiert wird, mit jedem KI-Modell funktioniert und weitreichenden, unsandboxten Systemzugriff bietet.
Welches System ist sicherer?
Für Anfänger ist Claude Co-work deutlich sicherer, da die Anwendung in einer Sandbox läuft und Fehler nicht sofort das ganze System gefährden. OpenClaw bietet hingegen mehr Datenschutz, da alle Daten (z. B. finanzielle oder medizinische Dokumente) lokal auf dem Rechner bleiben und nicht zwangsläufig an externe Server zur Speicherung gesendet werden.
Gibt es OpenClaw auch für Windows?
Ja, OpenClaw läuft auf Windows, Mac und Linux. Claude Co-work hingegen startete zunächst als reine macOS-Anwendung.


