Die KI-Botschaft ist immer dieselbe, nur die Vorzeichen wechseln: Entweder bringt KI das goldene Zeitalter der Produktivität – oder sie macht uns alle arbeitslos. Dazwischen gibt es nichts. Genau dieses Entweder-Oder hat jetzt einen Namen bekommen: KI-Absolutismus. Der Guardian analysiert, warum beide Extreme derselben Marketing-Strategie entspringen – und warum die apokalyptische Zukunft, die man uns verkauft, keineswegs unausweichlich ist.
Die Guardian-Journalistin Samantha Oltman hat in ihrer vielbeachteten Analyse ein Phänomen seziert, das jedem bekannt vorkommt, der sich länger als fünf Minuten mit KI beschäftigt: KI-Absolutismus. Ein Denkraster, das KI als gottgleiche Kraft betrachtet – entweder als Heilsbringer oder als Apokalypse. Dazwischen: Fehlanzeige.
Die zwei Gesichter des KI-Absolutismus
KI-Absolutismus funktioniert nach einem simplen, aber wirkungsvollen Schema. Zwei Narrative, die sich scheinbar widersprechen, arbeiten in Wahrheit Hand in Hand:
Narrativ 1 – Die Heilsgeschichte: KI entfesselt grenzenlose Produktivität. Wer sie nicht nutzt, wird abgehängt. Jensen Huang, CEO von Nvidia, brachte es 2025 auf den Punkt: „Du wirst deinen Job nicht an eine KI verlieren, sondern an jemanden, der KI nutzt.“ Die Botschaft: Embrace or die.
Narrativ 2 – Die Untergangsprophezeiung: KI wird massenhaft Jobs vernichten. Anthropic-CEO Dario Amodei prophezeite im Januar: „KI ist kein Ersatz für bestimmte menschliche Jobs, sondern ein allgemeiner Arbeitssubstitut für Menschen.“ Die Botschaft: Fürchtet euch – und kauft trotzdem unsere Produkte.
Beide Narrative führen zum gleichen Ziel: Akzeptanz und Abhängigkeit. „Die Räuberbarone unserer Zeit profitieren nicht nur von der Begeisterung über ihr Produkt, sondern auch von der Angst davor“, schreibt Oltman.
🔑 Der entscheidende Satz
„Wenn du diese enorme Bewertung für deinen Börsengang rechtfertigen willst, musst du auf die künftige Einnahmequelle verweisen“, sagt Suresh Naidu, Wirtschaftsprofessor an der Columbia University. „Du musst es so aussehen lassen, als hättest du etwas, das alle Arbeit der Welt auffressen kann – damit ein Investor denkt: Wow, das will ich nicht verpassen.“
Die Zahlen hinter dem Hype
Im letzten Quartal 2025 machte KI fast 60 Prozent des Wirtschaftswachstums in den USA aus. Seit ChatGPT Ende 2022 auf den Markt kam, haben mehr als eine halbe Million Menschen allein in der Tech-Branche ihren Job verloren. Auf den ersten Blick: klare Kausalität. KI kommt, Jobs gehen.
Doch wer genauer hinschaut, sieht ein anderes Bild. Martin Beraja, Professor an der UC Berkeley Haas School of Business, hält Studien, die ChatGPT direkt mit dem Rückgang von Einstiegsjobs in der Softwarebranche verknüpfen, für „problematisch“. Seine Erklärung: Nach der Pandemie hatten sich Tech-Unternehmen massiv übernommen. Als die Konsummuster zurück in die reale Welt wanderten, saßen sie auf zu vielen Mitarbeitern.
Selbst Venture-Capitalist Marc Andreessen bezeichnete Entlassungen im März als KI-Washing – eine „Silver-Bullet-Ausrede“, um überfällige Personalbereinigungen schönzureden. Und OpenAI-CEO Sam Altman räumte im Mai ein: „Ich dachte, es hätte bis jetzt mehr Auswirkungen auf Einstiegsjobs für Akademiker gegeben, als tatsächlich passiert ist.“ Ein bemerkenswertes Eingeständnis – wie wir bereits in unserer Analyse der rückläufigen Jobapokalypse-Prognosen und im Beitrag über die panischen Rückzieher der KI-Milliardäre festgehalten haben.
Pro & Contra: Ist der KI-Absolutismus nur Marketing?
✅ Was für die Marketing-These spricht
- IPO-Logik: Naidus Argument ist schwer zu entkräften: Wer Milliardenbewertungen rechtfertigen muss, braucht eine Geschichte, die den gesamten Arbeitsmarkt als adressierbaren Markt darstellt.
- Widersprüchliche Botschaften: Dasselbe Unternehmen warnt vor KI-Jobverlusten UND verkauft KI-Produkte. Die kognitive Dissonanz ist kein Bug, sondern Feature.
- Die Rückzieher: Altman, Andreessen – selbst die lautesten Propheten rudern zurück. Wären ihre Prognosen evidenzbasiert gewesen, müssten sie nicht revidiert werden.
- Pandemie-Effekt: Ein großer Teil der Tech-Entlassungen lässt sich mit dem Ende des Pandemie-Booms erklären – nicht mit KI. Die KI-Erzählung kam zur richtigen Zeit, um unpopuläre Entscheidungen zu verpacken.
❌ Was gegen die reine Marketing-These spricht
- Reale Substitution: In der Softwareentwicklung und im Content-Bereich findet messbare Jobsubstitution durch KI statt – sie ist nur langsamer und selektiver als prophezeit.
- Investitionen sind real: Eine Billion Dollar fließt tatsächlich in KI-Infrastruktur. Das ist kein reines Luftschloss – dahinter stehen Rechenzentren, Chips, Stromnetze.
- Die Langzeitperspektive: Dass KI heute noch nicht alle Jobs frisst, beweist nicht, dass sie es nie tun wird. Die Industrielle Revolution brauchte auch Jahrzehnte, um Arbeitsmärkte fundamental umzubauen.
- Die Kontrollgruppe fehlt: Wie Naidu selbst sagt: Es gibt keine KI-freie Vergleichswelt. Wir können nicht messen, wie der Arbeitsmarkt ohne KI aussähe.
🔍 Einordnung
KI-Absolutismus ist kein reines Marketing-Konstrukt – aber das Marketing treibt ihn. Die Wahrheit liegt in der unbequemen Mitte: KI verändert Arbeit real, aber langsamer, selektiver und weniger apokalyptisch als die Extrem-Narrative suggerieren. Der größte Schaden des KI-Absolutismus ist nicht die Übertreibung selbst, sondern dass er den Blick auf die tatsächlichen Risiken verstellt.
Die unsichtbare Gefahr: Nicht Job-Verlust, sondern Job-Kontrolle
Während alle auf die Job-Apokalypse starren, passiert etwas viel Konkreteres – und es betrifft längst nicht nur Tech-Arbeiter. „Die realistischere Anwendung von KI für die globale Arbeitswelt“, schreibt Oltman, ist „KI zur Überwachung und Mikromanagement von Beschäftigten einzusetzen“.
Gig-Worker – Uber-Fahrer, DoorDash-Lieferanten – sind längst die Versuchskaninchen für algorithmisches Management. KI entscheidet, wer welche Schicht bekommt, wer welchen Lohn verdient, wer deaktiviert wird. Und Arbeitsmarktexperten erwarten, dass sich dieses Modell auf immer mehr Branchen ausweitet.
Die eigentliche Gefahr ist nicht, dass KI den Menschen ersetzt. Die Gefahr ist, dass KI den Menschen optimiert – bis zur Erschöpfung. Dass sie Arbeitnehmer in ein System presst, in dem sie dankbar sein sollen, überhaupt noch Arbeit zu haben, während ein Algorithmus jede ihrer Bewegungen bewertet. Wie wir in unserem Beitrag zur KI-Doom-Loop und den realen Automatisierungsrisiken analysiert haben: Die Gefahr ist nicht der große Knall, sondern der schleichende Kontrollverlust.
Historische Parallele: Was die Industrielle Revolution über KI verrät
Die Tech-Branche vergleicht KI gerne mit der Industriellen Revolution. Meistens tun sie das, um die disruptive Kraft ihrer Produkte zu unterstreichen. Was sie dabei gerne übersehen: Die Industrielle Revolution war kein reibungsloser Produktivitätsschub. Sie war begleitet von Maschinenstürmerei, sozialen Unruhen, Kinderarbeit, explodierender Ungleichheit und blutigen Arbeitskämpfen.
Eine aktuelle wirtschaftshistorische Analyse des CEPR zeigt, dass die Parallelen zwischen der Gilded Age (1870-1900) und heute frappierend sind: rasante technologische Umwälzung, extreme Vermögenskonzentration, schwache regulatorische Gegenkräfte – und ein Arbeitsmarkt, der Jahrzehnte brauchte, um neue Spielregeln zu finden.
Der entscheidende Unterschied: Damals entstand aus dem Chaos heraus die Arbeiterbewegung. Gewerkschaften, Tarifverträge, Arbeitsschutzgesetze – all das wurde nicht geschenkt, sondern erkämpft. Die Frage für das KI-Zeitalter ist nicht, ob KI Jobs verändert, sondern ob wir diesmal schneller institutionelle Antworten finden.
Was das für Deutschland und Europa bedeutet
Der KI-Absolutismus ist kein rein amerikanisches Phänomen – er schwappt längst nach Europa. Drei konkrete Auswirkungen:
- Regulierungsdruck: Der EU AI Act war ein erster Schritt. Aber die Frage, wie KI am Arbeitsplatz konkret eingesetzt werden darf – Algorithmic Management, Leistungsüberwachung, automatisierte Entscheidungen – ist noch weitgehend ungeregelt. Die Ampel-Koalition hat das Thema im Koalitionsvertrag 2025 zwar adressiert, aber kaum operationalisiert.
- Betriebsratslücke: In den USA gibt es kaum kollektive Arbeitnehmervertretung. In Deutschland und Europa ist die Mitbestimmung stärker – aber Betriebsräte sind auf KI-Themen bisher kaum vorbereitet. Welcher Betriebsrat kann schon einen Algorithmus auditieren?
- Mittelstand als Puffer: Während die US-Debatte von Tech-Giganten dominiert wird, besteht die deutsche Wirtschaft aus tausenden Mittelständlern. KI-Einführung passiert hier langsamer, pragmatischer – und oft weniger disruptiv als in Silicon-Valley-Startups. Das ist kein Nachteil.
Das bedeutet nicht, dass Europa gelassen zuschauen kann. Im Gegenteil: Gerade weil der KI-Absolutismus ein primär angelsächsisches Phänomen ist, hat Europa die Chance, einen nüchterneren Diskurs zu führen. Nicht: „KI wird alle Jobs vernichten.“ Sondern: „Wie gestalten wir den KI-Einsatz so, dass Produktivität und Menschenwürde zusammengehen?“
3-Punkte-Plan: Jenseits des KI-Absolutismus
Was können Unternehmen, Beschäftigte und Politik konkret tun, um aus der Absolutismus-Falle auszubrechen?
- Transparente KI-Strategie statt Angst-Narrativ: Unternehmen sollten offenlegen, wo und wie sie KI einsetzen – nicht als Drohkulisse („wer nicht mitmacht, fliegt“), sondern als Werkzeug. Mitarbeiter, die verstehen, was KI kann und was nicht, sind produktiver – und loyaler.
- Betriebsvereinbarungen 2.0: Betriebsräte und Gewerkschaften brauchen KI-Kompetenz. Eine Betriebsvereinbarung zu algorithmischen Entscheidungssystemen sollte Standard werden – mit klaren Regeln, wann ein Mensch eingreifen muss.
- Weiterbildung ohne Panik: Statt Mitarbeiter mit der Angst vor Jobverlust zu motivieren, sollten Unternehmen in gezielte Weiterbildung investieren. Die produktivste KI-Nutzung ist laut Berkeley-Professor Beraja nicht Job-Ersatz, sondern schnelleres Lernen – für Mensch und Organisation.
Fazit: Die Alternative zum Absolutismus
KI-Absolutismus ist kein Naturgesetz – er ist eine Erzählung. Eine äußerst profitable zwar, aber dennoch: eine Erzählung. Die gute Nachricht: Wir müssen sie nicht kaufen.
„Was wir uns vorstellen können, ist – statt des einen ChatGPT-Killers – viele verschiedene kleine KIs von verantwortungsvollen Akteuren“, sagt der frühere Glitch-CEO Anil Dash. Einige davon entstehen bereits – leise, dezentral, ohne apokalyptisches Marketing.
Der KI-Diskurs braucht weniger Propheten und mehr Pragmatiker. Weniger Absolutismus und mehr Differenzierung. Die Frage ist nicht: Wird KI die Welt retten oder zerstören? Sondern: Wer entscheidet, wie KI eingesetzt wird – und nach welchen Regeln?
Die Antwort auf diese Frage wird nicht in Silicon Valley geschrieben. Sie wird in Betriebsräten, Parlamenten und Gerichtssälen entschieden. Und das ist – bei aller berechtigten Sorge – eine gute Nachricht.
FAQ
Was bedeutet „KI-Absolutismus“?
KI-Absolutismus bezeichnet die Tendenz, Künstliche Intelligenz als unausweichliche, fast gottgleiche Kraft darzustellen – entweder als Heilsbringer, der alle Produktivitätsprobleme löst, oder als Apokalypse, die alle Jobs vernichtet. Der Begriff wurde durch einen Guardian-Artikel von Samantha Oltman (Juni 2026) populär. Entscheidend: Beide Extreme dienen letztlich derselben Marketing-Strategie der KI-Industrie.
Ist KI-Absolutismus nur Marketing oder steckt reale Gefahr dahinter?
Beides. Der Absolutismus als Erzählrahmen ist eine bewusste Marketing-Strategie – vor allem zur Rechtfertigung von Milliardenbewertungen bei Börsengängen. Aber KI verändert den Arbeitsmarkt real, nur langsamer und selektiver als die Extrem-Narrative suggerieren. Die größere Gefahr ist nicht der plötzliche Massenjobverlust, sondern die schleichende algorithmische Kontrolle am Arbeitsplatz.
Was kann ich als Arbeitnehmer gegen algorithmische Überwachung tun?
Erkundigen Sie sich nach der KI-Strategie Ihres Arbeitgebers. Bestehen Sie auf Transparenz, wo und wie KI-Systeme Entscheidungen über Ihre Arbeit treffen. In Deutschland können Betriebsräte Betriebsvereinbarungen zu algorithmischen Entscheidungssystemen durchsetzen. Und: Weiterbildung in KI-Kompetenz ist die beste individuelle Absicherung.


