Baidu hat auf seiner Entwicklerkonferenz Create 2026 ein komplettes KI-Agenten-Portfolio vorgestellt – und gleich eine neue Erfolgsmetrik mitgeliefert. CEO Robin Li plädiert für „Daily Active Agents“ (DAA) als Maßstab des Agenten-Zeitalters.
Tokens sind nicht genug. Das ist die zentrale Botschaft, die Baidu-Co-Gründer Robin Li auf der Create 2026 in Peking in den Raum stellt. Während die Branche noch über Modellgrößen und Milliarden von verarbeiteten Tokens diskutiert, schlägt Li eine radikal andere Kennzahl vor: Daily Active Agents (DAA) – die Zahl der Agenten, die täglich aktiv arbeiten und Ergebnisse liefern.
„To measure the health of a platform or ecosystem, we should pay closer attention to DAA — the number of agents actively working and delivering results“, sagte Li auf der Bühne. Seine Prognose: Die globale DAA-Zahl könnte auf über 10 Milliarden anwachsen – eine Größenordnung, die deutlich macht, wie fundamental sich die Software-Landschaft verändern wird.
Fünf neue Baidu KI-Agenten auf einen Blick
Baidu nutzte die Create 2026, um gleich fünf Produkt-Updates im Agenten-Bereich vorzustellen. Die Botschaft ist klar: Das Unternehmen will nicht nur Modell-Anbieter sein, sondern eine vollständige Agenten-Plattform aufbauen.
DuMate – der Universal-Agent für Mobile und Desktop
Seit dem MVP-Release im März hat sich DuMate rasant weiterentwickelt: Der Agent kann Screens lesen, Software bedienen, Dateien verarbeiten und Geschäftssysteme End-to-End verbinden. In mehreren internationalen Benchmarks erreicht DuMate Spitzenwerte. Li positioniert DuMate als „unified Gateway“, das nahtlos Suche, Coding und andere Agenten-Dienste integriert.
Miaoda – der Coding-Agent, der zu 90 % sich selbst geschrieben hat
Miaoda ist ein Coding-Agent, mit dem Nutzer Anwendungen ohne eine einzige Zeile Code bauen können. Das Besondere: 90 % des Miaoda-Codes wurde von Miaoda selbst generiert. Mit dem Launch der Mobile-App wird Vibe Coding jetzt auch auf dem Smartphone professionell möglich. Die internationale Version MeDo ist bereits unter medo.dev verfügbar.
Li geht noch einen Schritt weiter und spricht von „disposable software“ – Wegwerf-Software, die für einen einzigen Zweck und Moment gebaut wird. „Entwicklungskosten werden auf nahe null komprimiert“, so Li. „Die Software-Industrie wird neu definiert.“ Seine Einschätzung: Dieser Markt könnte um das Zehnfache wachsen.
Was nach radikalem Wandel klingt, reiht sich ein in einen breiteren Trend – KI-generierter Code bringt bereits heute neue Herausforderungen mit sich, von denen wir einige noch kaum verstehen.
Baidu Yijing – digitale Menschen in 12 Sprachen
Die Plattform für digitale Menschen (früher Huiboxing) wurde komplett überarbeitet. Baidu Yijing unterstützt Livestreaming, Videoproduktion und interaktive Echtzeit-Erlebnisse. Drei Agenten-Fähigkeiten stecken dahinter: Skripterstellung, Videoproduktion und intelligenter Schnitt. Mit nativer Lip-Sync-Genauigkeit in 12 Sprachen zielt die Plattform direkt auf den globalen E-Commerce-Markt.
Famou Agent 2.0 – der Industrieprofi unter den Agenten
Famou Agent ist ein selbst-optimierender Agent für komplexe industrielle Prozesse: Produktionsplanung, Prozessoptimierung, Logistik. Version 2.0 hat den prestigeträchtigen MLE-Bench angeführt und 9 der 15 schwierigsten Aufgaben besser gelöst als Agenten auf Basis anderer führender Modelle.
In einem der modernsten automatisierten Häfen der Welt erzielte Famou eine Leistungssteigerung von 10,21 % – auf einem bereits hoch optimierten Niveau. Das mag nach wenig klingen, ist aber in einer margenarmen Branche wie der Hafenlogistik ein massiver Hebel.
Dass industrielle KI-Agenten auch gravierend daneben gehen können, zeigt der Fall eines Agenten, der in 9 Sekunden eine komplette Datenbank löschte – ein Mahnmal, dass Autonomie mit Kontrolle einhergehen muss.
DAA statt DAU: Warum die neue Metrik zählt
Robin Lis Vorstoß für Daily Active Agents ist mehr als eine clevere Marketing-Idee. Er trifft einen wunden Punkt: Tokens messen Kosten, nicht Wert. Wer seine ganze Aufmerksamkeit auf verarbeitete Tokens richtet, übersieht die entscheidende Frage: Arbeiten die Agenten tatsächlich produktiv?
Der Vergleich mit Daily Active Users aus der Mobile-Ära ist kein Zufall. Damals wurden Milliarden-Bewertungen an DAU-Zahlen geknüpft. Li signalisiert: Das Agenten-Zeitalter braucht eigene Maßstäbe – und Baidu beansprucht die Deutungshoheit.
Fest steht: Wenn 10 Milliarden DAA Realität werden, reden wir nicht mehr über „KI als Tool“, sondern über eine Parallelwirtschaft aus autonomen Software-Entitäten. Diese Vision ist ambitioniert – aber die Baidu-Ankündigungen zeigen, dass die Bausteine dafür bereits gebaut werden.
Super-Individuen und Super-Organisationen
Li skizzierte eine dreistufige „KI-Evolutions-Theorie“:
- Agenten entwickeln sich von passiven Antwortern zu autonomen Ausführern, die kontinuierlich aus ihrer Umgebung lernen.
- Individuen werden zu Super-Individuen – Nutzer, die gelernt haben, mit KI zu koexistieren und ihre Fähigkeiten massiv zu erweitern.
- Unternehmen transformieren sich von Mensch-zu-Mensch-Organisationen zu gemischten Mensch-Agent-Formationen: Super-Organisationen.
Die Grundeinheit der Produktivität, so Li, war früher ein Team. Im Agenten-Zeitalter ist es das Super-Individuum. Jeder Entwickler sei gleichzeitig Builder, Founder und Creator.
Wer das für übertrieben hält, sollte sich ansehen, was ein einzelner KI-Agent beim Betrieb eines Cafés in Stockholm bereits leisten konnte – und was noch schiefging. Der Weg zum Super-Individuum ist gepflastert mit praktischen Hürden.
Die Infrastruktur unter der Haube
All diese Agenten-Ankündigungen wären wenig wert ohne die passende Infrastruktur. Baidu hat parallel eine neue Full-Stack AI Cloud vorgestellt, die speziell für großflächige Agenten-Anwendungen ausgelegt ist. Ein dedizierter Cluster mit Baidus eigenem Kunlunxin-Chip hat das Training eines Schlüsselmodells der ERNIE-5.1-Serie unterstützt. ERNIE 5.1 belegt aktuell den ersten Platz unter chinesischen Modellen auf LMArena – sowohl bei Text- als auch bei Search-Benchmarks.
Dass Baidu parallel eigene Chips, eigene Rechenzentren und eigene Foundation-Modelle entwickelt, ist ein strategischer Vorteil, den westliche Pure-Play-KI-Unternehmen erst aufbauen müssen.
Was das für die KI-Branche bedeutet
Die Create-2026-Ankündigungen zeigen eine klare Richtung: Der Wettbewerb verschiebt sich von Modell-Benchmarks zu praktischer Agenten-Nutzung. Während OpenAI, Google und Anthropic um AGI ringen, liefert Baidu ein komplettes Ökosystem: Coding-Agenten, digitale Menschen, selbstoptimierende Industrie-Agenten – alles auf eigener Chip-Infrastruktur.
Drei Takeaways:
- Metrik-Shift: DAA ist ein cleverer Schachzug, um die Diskussion von Input (Tokens) auf Output (Produktivität) zu lenken. Wer dieser Metrik folgt, muss liefern – nicht nur trainieren.
- Disposable Software: Wenn Entwicklungskosten tatsächlich gegen null gehen, müssen wir fundamental umdenken, was Software ist und wie wir sie bewerten.
- Vertikale Integration: Baidu kontrolliert Chips, Cloud, Modelle und Agenten aus einer Hand. Das ist ein Blueprint, der über China hinaus relevant wird.
Die Baidu KI-Agenten sind kein Zukunftsversprechen – sie sind bereits im Einsatz. Die Frage ist nicht mehr, ob Agenten kommen, sondern wer die Spielregeln definiert.
FAQ
Was sind Daily Active Agents (DAA)?
Daily Active Agents (DAA) ist eine von Baidu-CEO Robin Li vorgeschlagene Metrik für das Agenten-Zeitalter. Sie misst die Anzahl täglich aktiver KI-Agenten auf einer Plattform – vergleichbar mit Daily Active Users (DAU) im mobilen Internet. Li argumentiert, dass Tokens nur Kosten (Input) messen, während DAA den tatsächlichen Output erfasst.
Was ist DuMate von Baidu?
DuMate ist Baidus universeller KI-Agent, verfügbar für Mobile und Desktop. Er kann Screens lesen, Software steuern, Dateien verarbeiten und Geschäftssysteme integrieren. DuMate dient auch als Gateway zu anderen Baidu-Diensten wie Search, Miaoda und Famou Agent.
Was ist Miaoda und was bedeutet „disposable software“?
Miaoda ist Baidus Coding-Agent für Vibe Coding – Nutzer erstellen Anwendungen komplett ohne Code. 90 % von Miaoda wurde von Miaoda selbst geschrieben. „Disposable software“ beschreibt Lis These, dass Wegwerf-Software – gebaut für einen Moment, einen Zweck – wirtschaftlich sinnvoll wird, weil Entwicklungskosten gegen null gehen. International heißt Miaoda MeDo (medo.dev).
Wie gut ist Famou Agent 2.0?
Famou Agent 2.0 führte den MLE-Bench an und löste 9 von 15 schwierigsten Aufgaben besser als Agenten auf Basis anderer führender Modelle. In einem hochautomatisierten Hafen erzielte Famou eine Leistungssteigerung von 10,21 % – ein erheblicher Effizienzgewinn in einer bereits optimierten Umgebung.
Was bedeutet das Baidu Agenten-Portfolio für den Westen?
Baidu zeigt, wie ein vertikal integriertes KI-Ökosystem aussieht: eigene Chips (Kunlunxin), eigene Cloud, eigene Foundation-Modelle (ERNIE 5.1, Platz 1 unter chinesischen Modellen auf LMArena) und eigene Agenten. Während westliche Unternehmen oft auf Drittanbieter setzen, kontrolliert Baidu den gesamten Stack – ein Modell, das zunehmend Schule machen dürfte.
Quelle: Baidu PR Newswire, weitere Berichterstattung: TechNode


